Erstes chinesisches Werk in Bulgarien eröffnet

Die ersten Versuche chinesischer Autobauer, auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen, waren wenig vielversprechend. Jetzt wagt erneut ein Hersteller den Sprung auf den Markt in Europa – von Bulgarien aus. Das Land ist Chinas Startrampe – nicht nur im Fahrzeuggeschäft.


China tritt aufs Gas und will den europäischen Automarkt von Bulgarien her aufrollen. In der bulgarischen Kleinstadt Lowetsch rollt die Produktion für fünf verschiedene Modelle an. Bis zu 70.000 Autos jährlich sollen vom Band laufen. Zuerst sollen die Märkte in Osteuropa beliefert werden, dann Skandinavien und Großbritannien. Zum Schluss erst soll Deutschland an die Reihe kommen, denn die Chinesen haben (noch) großen Respekt vor den deutschen Produkten und dem harten Wettbewerb.

Einige der 4000 Geländewagen, die in diesem Jahr hergestellt werden, könnten bald aber auch auf deutschen Straßen zu sehen sein. Ob sie ein Überholmanöver mit den deutschen Marktführern bestehen, muss sich noch zeigen. Die Pkw und SUV’s der Marke „Great Wall“  bestehen – anders als beim ersten Europa-Versuch mit der Marke Landwind – auch den Crashtest, behaupten Autotester. Kompakte Geländewagen sollen BMW und anderen Paroli bieten. Natürlich viel billiger. 12.000 Euro soll das Spitzenmodell kosten, mit fünf Jahren Garantie.

Aber warum von Bulgarien aus? „Beide Völker sind eben seit jeher besonders eng befreundet“, begründet der bulgarische Investion-Experte Bojan Iwantschew den automobilen Vorstoß Chinas im Gespräch mit dem ARD-Hörfunkstudio. „Bulgarien war weltweit das zweite Land, das die Volksrepublik China einst anerkannt hat, nach der damaligen Sowjetunion. Weil die Sowjetunion jetzt nicht mehr investiert, sind wir jetzt das erste befreundete Land. Das zahlt sich aus.“

Es fließen Investionsbeihilfen aus China, von der andere EU-Länder nur träumen können. Bulgarien firmiert in China als „Entwicklungsland“. Dafür gibt es Sonderzuschüsse für Investoren: „Bis zu 16 Prozent Rendite sind für Chinesen drin, die in Bulgarien investieren“, sagt der Chinaexperte Iwantschew, der an einer der angesehensten privaten Wirtschaftshochschulen Bulgariens forscht und lehrt.

China ist hungrig auf Land in Europa

Chinesische Pkw massenhaft auf europäischen Straßen: China will europäischen Autobauern das Fürchten lehren. Längst ist China nicht mehr die verlängerte Werkbank Europas – es ist umgekehrt.

Das fängst beim Auto an und hört bei der Landwirtschaft noch längst nicht auf. Bulgarien ist Chinas Startrampe für Europa. Der Wandel hat sich im Stillen vollzogen. China will nicht nur Autos verkaufen. China ist hungrig auf Land in Europa und will auch im Stromgeschäft mitmischen.

„Es gibt eine langfristige staatliche Strategie“, sagt Iwantschew. „China kauft landwirtschaftlichen Boden weltweit. Investitionen in Bulgarien gehören dazu, um auf Dauer genügend Nahrung für die riesige Bevölkerung zu haben.“

Im Dorf Bojniza haben chinesische Landwirtschaftsinvestoren Ländereien gepachtet. Hier wird Mais und Getreide angebaut: „Natürlich lohnt es sich“, sagt Swetla Bojanowa, deren Investitionsfonds „Mel Invest“ die Felder an China verpachtet hat. „Der Bedarf in China ist so groß, dass Mais und anderes Getreide in Bulgarien für die Chinesen angebaut, geerntet, verladen und nach China verschifft werden kann – und es trotzdem günstig ist. Das liegt an den niedrigen Löhnen in Bulgarien, aber mehr noch an den steigenden Preisen“.

„Was die Chinesen wollen, sind vor allem riesige Mengen“, erklärt Borislaw Stefanow von der staatlichen bulgarischen Investitionsagentur. „Mit Kleckerbeträgen kommt man nicht weiter. In der Landwirtschaft fängt das bei einigen 100.000 Hektar an. Weniger interessiert sie nicht. Man muss riesige Ressourcen mobilisieren, die man nicht immer auf einen Schlag anbieten kann.“

Europa als Dienstleister für China: Davon profitiere auch Europa. „Die Chinesen investieren in Industrie und Infrastruktur. Das könnte in der Finanzkrise die fehlenden Investitionen aus Europa in gewissem Maße ausgleichen“, sagt Stefanow.

Das Problem: Bald ist Bulgarien ausverkauft, wenn der Investionshunger der Chinesen in Europa nicht nachlässt. „Eigentlich können wir China nur kurzfristig entgegenkommen“, erklärt Stefan Kinow, Chef der bulgarisch-chinesischen Handelskammer. „In fünf Jahren haben wir nichts mehr anzubieten. Früher gab’s bei uns im Kommunismus die berühmten Fünf-Jahres-Pläne. Für die Chinesen sind fünf Jahre heute nichts. Die planen in 15-Jahres-Abschnitten.“

Lob gibt es allgemein für die Zuverlässigkeit der chinesischen Geschäftsbeziehungen: „Die chinesischen Partner sind sehr genau, pünktlich und korrekt, sagt Swtla Bojanowa. „Ich kann nur Gutes über sie sagen. Sie interessieren sich für eine langfristige Zusammenarbeit. Das ist gut für die Planung und die Berechenbarkeit eines Projekts.“

In Bulgarien scheint selbst die Sonne für China: In der Kleinstadft Ichtiman 40 Kilometer vor Sofia überziehen 50.000 Sonnenkollektoren mehrere Berge: „Die Anlagen sind billiger als die europäischen, die Garantiezeit des Herstellers beträgt zehn Jahre. Wir arbeiten seit einem Jahr, bisher ohne Probleme“, sagt Angel Novakow, der die Solarkollektoren für die Chinesen in Schuss halten muss.

Die chinesischen Eigentümer, die den Strommarkt aufmischen wollen und zugleich Werbung für ihre Produkte machen, sind online mit Bulgarien verbunden. Das chinesische Kontrollzentrum meldet sich sofort an, wenn der Stromfluss nachlässt. „Vielleicht sollten wir etwas Angst haben. Aber die Anlagen sind gut. Daran kann man erkennen, dass die chinesischen Arbeiter sehr genau, sehr strikt und sehr fleißig sind“, sagt Novakow voller Respekt. Inzwischen könnte der chinesische Strom auch den heimischen Strommarkt-Monopolisten bedrohen, der seine Marktstellung mit Spitzenpreisen ausnutzt. Da könnte selbst Sonnenstrom langfristig billiger sein. Was in Bulgarien anfängt, könnte bald anderswo in Europa Schule machen. Jahrelang produzierte China für Europa. In Bulgarien ist es schon längst umgekehrt.

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Datum: Mittwoch, 29. Februar 2012 8:00
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